Dagmar R. Rehberg  - wortgeflechte
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Im Schatten

 

 

Urplötzlich wird Katherine aus der Bahn geworfen, denn sie erfährt vom unerwarteten Freitod ihrer geliebten Mutter. Erschüttert versucht sie, die Hintergründe in Erfahrung zu bringen. Das Bild der soliden Hausfrau, Mutter und Ehefrau gerät ins Wanken, denn ein Tagebuch verrät ein Doppelleben voll Liebe, Leidenschaft und Schmerz ...

 

 

Im Schatten

Erscheinungstermin: März 2014
316 Seiten
Preis: 9,50 €
ISBN:9-783-8370-6981-5

 


auch als Ebook im Kindle-Shop für Kindle und IPad

zum Preis von 2,99 €

 

 

 

Leseprobe:

Das Wasser war heiß, beinahe ein bisschen zu heiß, doch Katherine stellte es nicht kälter. Es prasselte ihr auf Kopf und Schultern, lief in dampfenden Bächen den Rücken herab und die Beine entlang. Sie hörte das Prasseln auf dem Wannenboden. Dort stand sie nun schon mindestens eine viertel Stunde, rührte sich beinahe nicht, lauschte nur dem Geräusch des rauschenden Wassers. Mit beiden Händen strich sie langsam über ihr kurzes Haar. Wie es sich wohl anfühlte, wenn es ihr lang über den Rücken fiele? Ihre Mutter hatte ihr schon so oft geraten, es wachsen zu lassen. Lange Haare seien weiblicher und weicher, hatte sie immer wieder gemeint. Dabei trug sie ihres doch selbst kurz. Nein, stimmte gar nicht. In den letzten Monaten hatte sie es wachsen lassen, und nun reichte es ihr schon fast bis auf die Schulter. Es stand ihr ausgesprochen gut, wie Katherine fand. Überhaupt hatte ihre Mutter in der letzten Zeit einiges an ihrem Äußeren verändert. Sie war noch sorgfältiger zurechtgemacht als früher und hatte sogar einige Pfund abgespeckt. Sie war nie dick gewesen, nur ein klein wenig mollig. Doch nun war sie regelrecht schlank. Ob ihrem Vater das auch aufgefallen war? Und wenn ja, fand er es gut, oder tat er es auf seine übliche Art als Hormon gesteuerte Kurz-vor-den-Wechseljahren-Phase ab? Katherine dachte über ihre Eltern nach. Ihre Beziehung lief gleichförmig seit vielen Jahren ab, es war beinahe schon langweilig. Arbeit, Haushalt, Kinder, kaum Streitigkeiten, aber auch kaum Höhepunkte. Sie gingen selten aus, und nur der alljährliche Urlaub an wenig wechselnden Urlaubsorten durchbrach die Eintönigkeit. Wie hielten sie das nur aus? Sie konnte sich nicht vorstellen, irgendwann einmal genauso zu leben. Dann lieber jedes Wochenende auf Derby, gelegentlich ein kleines Abenteuer, ab und zu einen Kater – so wie heute. 

Seufzend stellte sie das Wasser ab und stieg aus der Wanne. Sie band sich gerade ein Handtuch um den Kopf, als es an der Tür klingelte. Hastig griff sie zum Bademantel und zog ihn über, ohne sich vorher abzutrocknen. Sie hasste dieses Gefühl von Stoff auf nasser Haut. Es kribbelte und scheuerte unangenehm. Barfuß eilte sie zur Wohnungstür und öffnete. Zu ihrem Erstaunen standen vor der Tür zwei Polizisten und es sah beinahe so aus, als trauten sie sich nicht, ihr ins Gesicht zu sehen. Der ältere von beiden nahm seine Mütze ab und sagte:

»Guten Morgen. Sind Sie Katherine Zieglow?«

»Ja. Wieso?« Katherine wollte gerade fragen, ob sie falsch geparkt hätte, doch der Ernst in den Gesichtern der beiden Männer hielt sie davon ab.

»Dürfen wir kurz hereinkommen?«, bekam sie anstelle einer Antwort zu hören.

Da das einzige Zimmer in ihrer Wohnung nicht nur ihren Schreibtisch und den großen Schrank enthielt, der ihre sämtlichen Habseligkeiten von Büchern, Unterrichtsmaterial bis hin zur Kleidung beherbergte, sondern auch ihr zurzeit vollkommen zerwühltes Bett, und der Fußboden zudem mit am Abend vorher eiligst entledigter Klamotten übersät war, führte sie die Besucher in die Küche. Beide sahen sich scheinbar automatisch darin um, und der jüngere der beiden Herren trat ein wenig in den Hintergrund, sich leicht an einen der Schränke lehnend. Beide hielten sie nun ihre Mützen in der Hand und Katherine sah, wie der ältere Mann sie nervös hin- und herdrehte, als er nach Worten suchte. Schließlich sah er sie an und sagte leise: »Es tut mir sehr leid, Frau Zieglow, aber ich fürchte, wir haben eine schlechte Nachricht für Sie. Ihre Mutter ist tot.«

Wenn der junge Mann dort drüben nicht so eine hässliche Uniform tragen würde, könnte er direkt hübsch aussehen, schoss es Katherine durch den Kopf. Eine von den neuen, dunkelblauen vielleicht würde ihm gut stehen. Katherine spürte, wie sich die Neuigkeit krampfhaft versuchte, von ihrem Gehör durch die Windungen ihres Gehirns bis ins Bewusstsein vorzukämpfen und wie sich gleichzeitig jede Faser ihres Verstandes dagegen wehrte, indem sie Stolpersteine und Schlingen in Form aller möglichen beiläufigen Gedanken in den Weg legte. Nur ganz allmählich kam die Nachricht auf ihrem Weg voran und als sie schließlich fast ihr Ziel erreicht hatte, drehte Katherine den Kopf, um den Sprecher anzusehen. Erst dabei wurde ihr bewusst, sie hatte den jüngeren der beiden die ganze Zeit unhöflich angestarrt. Nun sah sie dem älteren Polizisten ins Gesicht, als dieser fortfuhr:

»Sie hat sich das Leben genommen.«

Ha! Da war er, der Strohhalm, nachdem sie gesucht hatte und den sie nun schnell ergriff. Eine Verwechselung! Tragisch, aber Tatsache. Ihre Mutter, ihre lustige, lebensfrohe, ausgeglichene Mutter würde niemals Selbstmord begehen! Warum auch?

»Ihr Vater hatte einen Nervenzusammenbruch und ist zurzeit im Krankenhaus. Ihren Bruder haben wir noch nicht erreicht. Wissen Sie, wo er sein könnte?«

Katherine schüttelte den Kopf. Plötzlich fühlte sie eine große, kräftige Hand, die ihren Oberarm packte und sie auf einen Küchenstuhl schob. Dann glitt die Hand in ihren Rücken und drückte ihren Oberkörper nieder.

»Kopf zwischen die Knie und tief durchatmen«, hörte sie eine tiefe Stimme sagen. Erst jetzt realisierte sie das Schwindelgefühl und die Übelkeit, die sich in ihr ausbreiteten. Das Handtuch war von ihrem Kopf gerutscht, und die feuchten Haare standen in alle Richtungen, wie die Stacheln eines aufgeschreckten Igels. Sie spürte die Hand über ihren Rücken streichen und hörte, wie die weiche, dunkle Stimme beruhigend auf sie einredete, als wäre sie ein verängstigtes Pony.

»Soll ich einen Arzt rufen, Sven?« Die Stimme des älteren Polizisten klang besorgt.

Sven! Der Name passte zu ihm. Er war zwar nicht besonders hünenhaft, jedoch blond und blauäugig, was sich ganz besonders mit dem scheußlichen Grün seiner Uniform biss. Katherine fischte jeden noch so kleinen und unbedeutenden Gedanken auf und spann ihn weiter, nur um die Wahrheit noch immer nicht begreifen zu müssen. Sie hob den Kopf und sah dem Polizisten namens Sven direkt in die Augen.

»Besser?«, fragte er sanft. Sie nickte. Plötzlich hatte sie das Gefühl, ihr würde die Kehle zugeschnürt. Ihre Mutter! Ihre geliebte Mutter! Ihr Halt, ihr Trost, ihre Freundin, mit der sie über alles reden konnte! Sie war tot! Selbstmord! Aber das konnte doch gar nicht sein. Gestern waren sie doch noch zusammen gewesen. Und dennoch wusste sie mit einer schockartigen Plötzlichkeit, es war so.

»Haben Sie vielleicht eine Ahnung, warum sie es getan haben könnte?«, fragte Sven leise. »Wir haben keinen Abschiedsbrief gefunden. War sie vielleicht krank? Hatte sie Probleme? In der Ehe, Alkohol, irgendetwas in der Art?« Er hatte die Augenbrauen hochgezogen und sah sie ermunternd an, doch Katherine konnte nur den Kopf schütteln.

»Ich weiß es nicht. Sie ist doch immer so fröhlich und ausgeglichen. Ich meine, sie war es«, verbesserte sie sich leise. Nach einer Weile fragte sie mit brüchiger Stimme: »Wo und wie?«

»Sie hat sich in der Garage erhängt«, sagte der ältere Mann, während Katherine und Sven sich noch immer in die Augen sahen.

»Oh mein Gott!«, entfuhr es ihr. Plötzlich brach alles in ihr zusammen und sie begann, haltlos zu weinen. Sehr sanft zog Sven sie in seine Arme und hielt sie fest, bis sie sich ausgeweint hatte. Es kam ihr wie Stunden vor, doch sie konnte einfach nicht mehr aufhören.

 

 

Dagmar R. Rehberg